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Die 4-Prozent-Regel: Wie viel Kapital brauchst du wirklich?

Die bekannteste Faustregel der FIRE-Bewegung – ihre Herkunft, ihre Mathematik und warum sie für Deutschland angepasst werden muss.

Aktualisiert: 26. Juli 2026 · Lesezeit ca. 6 Minuten

Was die 4-Prozent-Regel besagt

Die 4-Prozent-Regel ist die bekannteste Faustformel zur Berechnung des Kapitals, das du für finanzielle Unabhängigkeit benötigst. Sie besagt: Wenn du jährlich 4 % deines Startkapitals entnimmst und diesen Betrag jedes Jahr an die Inflation anpasst, reicht dein Vermögen mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens 30 Jahre.

Daraus folgt direkt die Berechnung des Zielkapitals: Du brauchst das 25-fache deines Jahresbedarfs (100 geteilt durch 4).

Zielkapital = Jahresbedarf × 25
Beispiel: 2.200 €/Monat × 12 × 25 = 660.000 €

Woher die Regel stammt

Die Regel geht auf zwei Arbeiten zurück. 1994 untersuchte der US-Finanzberater William Bengen, welche Entnahmerate historisch sicher gewesen wäre. Er testete Portfolios gegen jede 30-Jahres-Periode der US-Marktgeschichte und fand: 4 % hätten in keinem einzigen Fall zum vorzeitigen Kapitalverzehr geführt.

1998 bestätigte die Trinity Study dreier Professoren der Trinity University dieses Ergebnis mit erweiterten Daten. Bei einem Portfolio aus 50 bis 75 % Aktien überlebte eine 4-Prozent-Entnahme über 30 Jahre in etwa 95 % aller historischen Perioden.

Die Annahmen hinter der Regel

Die Zahl 4 % ist kein Naturgesetz. Sie beruht auf konkreten Annahmen, die du kennen solltest:

Warum 4 % für Deutschland zu optimistisch sind

Drei Faktoren machen die Rechnung hierzulande schwieriger:

1. Abgeltungsteuer

Auf Kapitalerträge fallen 25 % Abgeltungsteuer plus 5,5 % Solidaritätszuschlag an, zusammen 26,375 % (zuzüglich Kirchensteuer, falls zutreffend). Bei Aktien-ETFs mildert die Teilfreistellung von 30 % nach § 20 InvStG die Belastung, aber netto bleibt spürbar weniger übrig. Details dazu im Artikel ETF-Besteuerung.

2. Krankenversicherung

Wer vorzeitig aus dem Berufsleben aussteigt, muss sich freiwillig gesetzlich oder privat versichern. Für freiwillig gesetzlich Versicherte gilt ein Mindestbeitrag, und Kapitalerträge werden auf die Beitragsbemessung angerechnet. Das ist ein Kostenblock, den US-Blogs nicht kennen.

3. Längerer Zeithorizont

Die 4-Prozent-Regel gilt für 30 Jahre. Bei einem Ausstieg mit 45 und einer Lebenserwartung von 90 Jahren sprichst du über 45 Jahre – das erhöht das Pleiterisiko deutlich.

Praxis-Empfehlung: Rechne für Deutschland eher mit einer Entnahmerate von 3 bis 3,5 %. Das entspricht dem 29- bis 33-fachen deines Jahresbedarfs statt dem 25-fachen. Bei 2.200 € monatlich sind das rund 754.000 bis 880.000 € statt 660.000 €.

Zielkapital nach Entnahmerate

So verändert sich das benötigte Kapital bei einem Nettobedarf von 2.200 € monatlich:

EntnahmerateFaktorZielkapitalEinordnung
4,0 %25×660.000 €Klassisch, 30 Jahre
3,5 %29×754.000 €Ausgewogen, 35–40 Jahre
3,0 %33×880.000 €Konservativ, 50+ Jahre
2,5 %40×1.056.000 €Sehr sicher

Das Sequenzrisiko

Der gefährlichste Faktor beim Kapitalverzehr heißt Sequence of Returns Risk. Entscheidend ist nicht nur, wie hoch die durchschnittliche Rendite ist, sondern wann gute und schlechte Jahre auftreten.

Fällt der Markt in den ersten Ruhestandsjahren stark, entnimmst du aus einem geschrumpften Portfolio – prozentual also deutlich mehr als geplant. Das Portfolio kann sich davon oft nicht mehr erholen, selbst wenn die Durchschnittsrendite über die gesamte Laufzeit stimmt. Genau dieses Risiko lässt sich mit einer Monte-Carlo-Simulation sichtbar machen.

Zusammengefasst
Die 4-Prozent-Regel ist ein nützlicher Startpunkt, aber kein Versprechen. Sie stammt aus US-Daten, ignoriert Steuern und gilt für 30 Jahre. Wer in Deutschland früh aussteigen will, sollte konservativer rechnen und die eigene Situation individuell simulieren statt sich auf eine einzelne Faustzahl zu verlassen.

Was Bengen selbst später sagte

Bemerkenswert: Der Urheber der Regel hat seine eigene Zahl später mehrfach revidiert. In späteren Arbeiten kam Bengen bei breiterer Diversifikation (unter anderem mit Small Caps) auf höhere sichere Raten. Gleichzeitig betonte er, dass 4 % nie als starre Regel gedacht war, sondern als Untergrenze für den historisch schlechtesten Startzeitpunkt.

Das ist ein wichtiger Punkt: Die 4 % beschreiben nicht den Normalfall, sondern den Worst Case der untersuchten Perioden. In den meisten historischen Szenarien wäre deutlich mehr möglich gewesen – das Portfolio wuchs oft sogar weiter. Die Regel ist also konservativ konstruiert, aber eben nur bezogen auf die untersuchte Datenbasis.

Flexibilität schlägt Präzision

Die größte Schwäche der starren 4-Prozent-Entnahme ist ihre Unbeweglichkeit. Ein realer Mensch wird nach einem Börsencrash von 40 % kaum unbeirrt weiter denselben Betrag entnehmen – er wird Ausgaben verschieben, den Urlaub kürzen oder zeitweise etwas dazuverdienen.

Genau diese Flexibilität ist mehr wert als jede Nachkommastelle bei der Entnahmerate. Studien zu dynamischen Strategien zeigen, dass schon eine temporäre Kürzung um 10 % in schlechten Jahren die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich erhöht – oft stärker als eine pauschal niedrigere Startrate.

Die gesetzliche Rente nicht vergessen

Viele FIRE-Rechnungen ignorieren die spätere gesetzliche Rente komplett. Das ist zu konservativ. Wer 15 oder 20 Jahre eingezahlt hat, erhält ab Regelaltersgrenze eine Zahlung, die den Kapitalbedarf ab diesem Zeitpunkt reduziert.

Praktisch bedeutet das: Du brauchst dein Portfolio in voller Höhe nur für die Überbrückungsphase zwischen Ausstieg und Rentenbeginn. Danach sinkt der Entnahmebedarf. Deine persönliche Rentenerwartung findest du in der jährlichen Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung – beachte dabei, dass der ausgewiesene Betrag auf fortgesetzter Einzahlung beruht.

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