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Entnahmestrategien im Vergleich: Konstant, Vanguard und VPW

Wie du im Ruhestand entnimmst, beeinflusst dein Pleiterisiko oft stärker als die Rendite deines Depots.

Aktualisiert: 18. August 2026 · Lesezeit ca. 9 Minuten

Warum die Strategie so viel ausmacht

Die meisten Diskussionen drehen sich um die Höhe der Entnahmerate – 3 %, 3,5 % oder 4 %. Fast ebenso wichtig ist aber eine andere Frage: Was passiert, wenn die Märkte einbrechen? Wer stur weiter denselben Betrag entnimmt, verkauft Anteile zu Tiefstkursen und beschleunigt den Kapitalverzehr. Wer flexibel reagiert, übersteht dieselbe Krise oft problemlos.

Genau hier setzen dynamische Entnahmestrategien an. Sie koppeln die Entnahme an die tatsächliche Entwicklung des Depots – mit unterschiedlich strengen Regeln.

1. Konstante Entnahme

Der klassische Ansatz und die Grundlage der 4-Prozent-Regel: Im ersten Jahr wird ein Betrag festgelegt, danach jedes Jahr um die Inflationsrate erhöht – unabhängig davon, wie sich der Markt entwickelt.

Stärke: Maximale Planbarkeit. Du weißt 30 Jahre im Voraus, wie viel Kaufkraft dir zur Verfügung steht.

Schwäche: Kein Schutz gegen das Sequenzrisiko. Nach einem Crash von 40 % entnimmst du prozentual fast doppelt so viel wie geplant.

2. Vanguard Dynamic Spending

Vanguard hat einen Mittelweg entwickelt, der sowohl auf den Markt reagiert als auch die Planbarkeit erhält. Die Entnahme folgt dem Depotwert, darf aber nur innerhalb einer festgelegten Bandbreite vom Vorjahr abweichen.

Zielentnahme = Depotwert × Entnahmerate
Obergrenze = Vorjahresentnahme × (1 + Ceiling)
Untergrenze = Vorjahresentnahme × (1 − Floor)

Entnahme = Zielentnahme, begrenzt auf [Untergrenze, Obergrenze]

Vanguard nennt als Standardwerte einen Ceiling von 5 % und einen Floor von 2,5 %. Das bedeutet: Nach einem starken Jahr darfst du höchstens 5 % mehr ausgeben, nach einem Crash musst du höchstens 2,5 % kürzen.

Ein Rechenbeispiel

Du entnimmst 2.800 € monatlich. Das Depot fällt um 30 %. Die Zielentnahme würde auf etwa 1.960 € sinken – ein drastischer Einschnitt. Die Untergrenze verhindert das: Du darfst nur auf 2.730 € kürzen (2.800 − 2,5 %). Erholt sich der Markt nicht, greift die Kürzung im Folgejahr erneut – und wirkt so über mehrere Jahre kumulativ, ohne den Lebensstandard schlagartig zu zerstören.

Wie stark die Bandbreite wirkt

Simulationen über 40 Jahre mit 5 % Rendite und 15 % Volatilität zeigen einen klaren Zusammenhang:

BandbreiteÜberlebensrateEntnahme im schlechten Fall
±0 % (= konstant)ca. 58 %2.820 €
−2,5 % / +5 %ca. 72 %1.854 €
±10 %über 99 %1.082 €
Der Zielkonflikt: Mehr Flexibilität kauft Sicherheit – bezahlt wird sie mit Planbarkeit. Eine breite Bandbreite bedeutet, dass dein Depot fast sicher hält, du im schlechten Fall aber deutlich weniger zum Leben hast. Die richtige Einstellung hängt davon ab, wie viel deiner Ausgaben wirklich fix sind.

3. VPW – Variable Percentage Withdrawal

VPW stammt aus der Bogleheads-Community und verfolgt einen anderen Ansatz: Der Entnahmesatz ist nicht konstant, sondern steigt mit sinkender Restlaufzeit. Berechnet wird er über die Annuitätenformel.

Entnahmesatz(N) = r ÷ (1 − (1 + r)−N) ÷ (1 + r)
N = verbleibende Jahre  ·  r = erwartete Realrendite

Mit 5 % angenommener Realrendite ergibt das folgende Entnahmesätze:

RestlaufzeitEntnahmesatz p. a.
40 Jahre5,55 %
30 Jahre6,20 %
20 Jahre7,64 %
10 Jahre12,33 %
5 Jahre22,00 %
1 Jahr100,00 %

Der entscheidende Punkt steht in der letzten Zeile: Bei einem Jahr Restlaufzeit beträgt der Satz exakt 100 %. Das Kapital wird also planmäßig bis zum Ende aufgebraucht. Genau das ist der Zweck – VPW ist die Antwort auf die Frage „Wie verbrauche ich mein Geld, statt es zu vererben?“

Was VPW leistet und was nicht

Stärke: VPW kann konstruktionsbedingt nicht „pleitegehen“. Da immer nur ein Anteil des vorhandenen Kapitals entnommen wird, bleibt rechnerisch stets etwas übrig. Zudem nutzt es das Kapital effizient aus – wer konservativ mit 3 % entnimmt, hinterlässt statistisch oft mehr, als er je besessen hat.

Schwäche: Die Entnahme schwankt stark. Fällt der Markt um 30 %, sinkt auch deine Entnahme um 30 % – ohne Untergrenze. VPW setzt voraus, dass ein erheblicher Teil deiner Ausgaben flexibel ist oder dass du eine zweite, krisenfeste Einkommensquelle hast, etwa die gesetzliche Rente.

Praxis-Hinweis
Viele Anwender kombinieren VPW mit einer Untergrenze: Sie berechnen, welcher Betrag unverzichtbar ist (Miete, Versicherungen, Lebensmittel), und decken diesen mit sicheren Einkommensquellen ab. Nur der darüber hinausgehende Teil folgt der VPW-Logik.

Welche Strategie passt zu wem?

StrategiePasst, wenn …
Konstant… du Planbarkeit über alles stellst und mit hohem Zielkapital arbeitest.
Vanguard… du bereit bist, in Krisen moderat zu kürzen, aber keine großen Sprünge willst.
VPW… du dein Kapital bewusst verbrauchen willst und flexible Ausgaben hast.

Günstigerprüfung: weniger Steuer im Ruhestand

Ein Aspekt, der in vielen Rechnern fehlt: Kapitalerträge unterliegen zwar grundsätzlich der Abgeltungsteuer von 26,375 %. Nach § 32d Abs. 6 EStG darfst du aber beantragen, dass stattdessen dein persönlicher Einkommensteuersatz angewendet wird – sofern dieser niedriger ist.

Im Ruhestand ohne Erwerbseinkommen ist das häufig der Fall. Die Teilfreistellung von 30 % bei Aktienfonds wirkt dabei in beiden Varianten.

Persönlicher SatzEffektiv nach TFSGünstiger?
Abgeltungsteuer18,46 %Referenz
15 %10,50 %ja
18 %12,60 %ja
25 %17,50 %ja
30 %21,00 %nein

Die Kippgrenze liegt bei rund 26 % persönlichem Steuersatz. Darunter lohnt der Antrag, darüber bleibt die Abgeltungsteuer günstiger.

Was das ausmacht
Bei einem Nettobedarf von 2.200 € monatlich und einem persönlichen Satz von 18 % sinkt die nötige Bruttoentnahme von 2.698 € auf 2.517 €. Das Zielkapital fällt dadurch von rund 925.000 € auf 863.000 € – über 62.000 € weniger, die du ansparen musst.

Praktisch beantragst du die Günstigerprüfung in der Steuererklärung (Anlage KAP). Das Finanzamt prüft dann automatisch, welche Variante für dich günstiger ist – ein Nachteil kann dir daraus nicht entstehen.

Einmalereignisse: Der Ruhestand ist keine flache Linie

Fast alle Entnahmerechner unterstellen über 30 oder 40 Jahre denselben monatlichen Bedarf. Die Realität sieht anders aus. Typisch ist eher ein Wellenmuster:

Dazu kommen einmalige Zuflüsse: ein Erbe, der Verkauf einer Immobilie, eine Abfindung. Beides – große Einzelausgaben und einmalige Zuflüsse – verändert die Rechnung erheblich.

Warum der Zeitpunkt entscheidet

Ein Betrag von 30.000 € wirkt völlig unterschiedlich, je nachdem wann er anfällt. Wird er früh in der Sparphase entnommen, fehlt er über Jahrzehnte dem Zinseszins. Ein Erbe kurz vor dem Ruhestand hilft dagegen fast in voller Höhe.

Simulationen zeigen den Effekt deutlich: Ein Erbe von 50.000 € im fünften Jahr verkürzt den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit typischerweise um rund zwei Jahre. Eine Weltreise für 30.000 € im zehnten Jahr verlängert ihn um etwa zwei Jahre – deutlich mehr, als der reine Betrag vermuten lässt, weil die entgangene Rendite mitzählt.

Wichtig bei der Planung: Gib solche Beträge in heutiger Kaufkraft an. Eine Sanierung, die heute 40.000 € kostet, wird in 20 Jahren nominal deutlich teurer sein – eine gute Simulation rechnet das automatisch mit, wenn sie in Realwerten arbeitet.

Fazit

Es gibt nicht die eine richtige Entnahmestrategie. Die konstante Entnahme ist der einfachste Einstieg, aber der schlechteste Krisenschutz. Vanguard Dynamic Spending ist für die meisten der beste Kompromiss. VPW ist die effizienteste Nutzung des Kapitals – verlangt aber die Bereitschaft zu schwankenden Ausgaben.

Am wichtigsten ist ohnehin etwas anderes: Flexibilität schlägt Präzision. Wer bereit ist, in schlechten Jahren etwas zurückzustecken, braucht deutlich weniger Kapital als jemand, der auf einen fixen Betrag angewiesen ist.

Häufige Fragen

Was ist Vanguard Dynamic Spending?
Eine dynamische Entnahmestrategie, bei der die jährliche Entnahme dem Depotwert folgt, aber nur innerhalb einer festgelegten Bandbreite schwanken darf. Typisch sind maximal 5 Prozent Erhöhung und 2,5 Prozent Kürzung gegenüber dem Vorjahr.
Was ist VPW?
Bei Variable Percentage Withdrawal steigt der Entnahmesatz mit sinkender Restlaufzeit nach einer Annuitätenformel. Das Kapital wird planmäßig bis zum Ende der Ruhestandsdauer aufgebraucht. Die Entnahme schwankt dafür stärker.
Welche Entnahmestrategie ist die beste?
Es gibt keine allgemein beste Strategie. Konstante Entnahme bietet maximale Planbarkeit ohne Krisenschutz, Vanguard Dynamic Spending ist für die meisten der beste Kompromiss, VPW nutzt das Kapital am effizientesten, verlangt aber Flexibilität bei den Ausgaben.

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